Ultra Trail des Sources (UTDS), Spa, Belgien, 12.08.2023
Wenn man am Morgen eines Laufs nicht vom Wecker geweckt wird, sondern von heftigen Regefällen, weiß man, dass es ein interessanter Tag wird.
Der Ultra Trail des Sources (UTDS, mit einem dicken ® dran – die Belgier scheinen Abkürzungen zu lieben, die mit UT anfangen) führt von Spa, bekannt durch das Mineralwasser und das Autorennen in Francorchamps, nach Trois Ponts, einem 2500-Seelen-Dorf 20 km weiter südlich. Man läuft entweder 80 km oder 42 km oder Staffel. Zur Orientierung die Ergebnisse von diesem Jahr: 140 Läufer auf 80 km (4 aus Deutschland), zwischen 6:55 und 14:58 h, 158 Läufer auf 42 km (5 aus Deutschland), zwischen 3:15 und 7:39 h, dazu 23 Staffeln auf 80 km zwischen 5:53 und 12:59 h. Da ich mir die 80 nicht wirklich zutraue, war es also der Marathon, der in La Chefna startet. Mit inbegriffen sind 1.250 Höhenmeter, wobei Trois Ponts 250 m niedriger liegt als der Startpunkt, die Schwerkraft ist also auf der Seite des Läufers. Mit inbegriffen sind auch 2 ITRA Punkte und ein Punkt für die Qualifikation für den UTMB (also den am Mont Blanc oder die anderen Veranstaltungen der gleichen Organisation). Kostenpunkt 32 Euro, und noch einmal 10 Euro, wenn man mit dem Bus zum Start fahren möchte, was fast alle Läufer wollten. Mit inbegriffen ist auch ein Sportlerhandtuch als Geschenk, welches man aber auch für 20 Euro separat bestellen konnte, ebenso wie das Laufhemd (kräftiges Pink, sehr ausdrucksstark), das manche im Nachhinein aber auch als Geschenk bekommen haben. Eine Medaille gibt es nicht, aber das ist eigentlich ja auch ganz vernünftig so. Parkplätze in Trois Ponts gibt es dafür reichlich.
Der Tag ist also da und ich bin auf alles vorbereitet. Neben der Standardkleidung befinden sich aufgrund der Wettervorhersage „anhaltender Regen“ in meinem Rucksack ein langes Laufhemd, ein kurzes Ersatzhemd, eine Laufjacke, Ersatzstrümpfe, Rettungsdecke, wasserdichte Mütze, Baseballkappe – alles fein einzeln in verschließbaren Plastiktüten, dazu was man sonst noch so braucht. Ach, und eine Ersatzbrille. Ich war vor einigen Wochen beim Training einmal schwer gestürzt, und während mein Körper im Fallen statt der spitzen Steine auf dem Weg noch etwas Gebüsch zur Linderung des Aufpralls fand, war meiner Brille dieses Glück nicht beschert, als sie sich selbständig auf dem Weg nach unten machte. Und ich sehe nichts ohne Brille. Daher auch hier ein Ersatz dabei, man muss immer auf das Schlimmste vorbereitet sein. Und ich habe noch einmal geprüft, dass mein Handy ausreichend wasserdicht ist. Wenn man Fotos machen will muss man es ja etwas exponiert tragen. Das Gepäck war also voll, aber anderen ging es auch so. Ein netter Herr und ich packten am Start nebeneinander gleichzeitig unsere Rucksäcke neu und mussten lachen, da es bei beiden genau gleich aus so, inklusive der individuellen Plastiktüten.
Der Trail ist ein fest ausgezeichneter Wanderweg, so dass nur an wenigen Stellen die typischen Bänder von Ästen oder Zäunen flatterten. Es ist aber wirklich ein Trail. Um genau zu sein wird eigentlich fast alles geboten. Ein wenig geteerte Straße, manchmal auch durch kleine Dörfer, viel breiter Waldweg, viel schmaler Waldweg, einige ganz schmale Rinnen, ein Abschnitt (runter) mit Tau zum Festhalten. Richtige Schuhe sind also essenziell, Stöcke äußerst sinnvoll, wenn auch nur etwa ein Drittel der Läufer welche dabeihatten. Ich liebe meine Stöcke ja und gehe für Trails nicht mehr ohne sie aus dem Haus. Was es nicht gibt ist eine Wasserdurchquerung, über die kleinen Bäche kann man springen, über die großen gibt es Brücken. Bei den Regenfällen der letzten Wochen und dem entsprechenden Wasserstand war das auch gut so. Auch kann man die tiefen Pfützen auf den Wegen recht gut umlaufen, so dass meine Socken überraschenderweise großenteils noch weiß waren. Erstes Fazit ist also, dass dies ein Trail ist, dem man vor allem Einsteigern empfehlen kann. Nicht zu fordernd, nichts Verrücktes oder Gefährliches, aber recht vielfältig.
Der Start ist nicht am Halteplatz des Busses, sondern an einer Wegkreuzung mitten im Wald. Man muss von der Straße erst einmal eine kleine Wanderung machen. Aber schön, man hat den Wald für sich. Aufgrund des Wetters gab es ohnehin weder Wanderer, außer einer größeren Pfadfindergruppe, noch Mountainbiker noch Reiter, also alles ganz konfliktfrei. Die Einführung des Rennleiters war diesmal auf Französisch und Holländisch, was natürlich zu Belgien passt, aber für Ausländer anderer Muttersprache, deren es allerdings nur sehr wenige gab, nicht ganz so toll ist. Aber kein Problem, die eine Woche vor dem Lauf zugesandten Unterlagen waren ohnehin sehr ausführlich gewesen, und dazu auf Französisch und Englisch. Nach dem Startschuss, um angenehme 10 Uhr, so dass man von Deutschland prinzipiell ohne lokale Übernachtung teilnehmen kann, geht es, wohl um genau auf die 42 km zu kommen, erst einmal im Kreis 4 km lang 200 Höhenmeter runter, dann 200 hoch, dann richtig auf die Strecke. Es regnet nicht. Der starke Regen am Morgen war wohl ein Glücksfall, so dass der für den Tag angekündigte Niederschlag zu 90% schon vor dem Start abgegangen war. Dafür stieg der Nebel aus den Wiesen und Wäldern und man fühlte sich etwas wie in einer kühlen Sauna. Angenehm an der Strecke ist, dass es keine Flaschenhälse gibt, also damit keinerlei Staus, und jeder konnte von Anfang an recht vernünftig überholen und damit sein eigenes Tempo laufen. Die wenigsten sind zwar beim Trailrunning wirklich in Eile, aber so war es noch einmal ein Stück entspannter. Ab zweitem Durchlauf des Starts geht es die nächsten 5 km fast 600 m kontinuierlich und relativ gerade bergab. Man konnte also durchaus etwas Tempo machen, müsste nur beim Untergrund mit Geröll etwas aufpassen, dass man sich nicht übernahm. Ich habe aber den ganzen Tag über niemanden stürzen sehen und auch niemanden mit den entsprechenden Wunden, wieder ein Pluspunkt.
Die restliche Strecke ging es dann immer ganz munter aber nie zu extrem auf und ab. Bei etwa einer Handvoll Stellen waren die Stöcke äußerst hilfreich, aber nur bergauf, steil bergab ging es bis auf den Abschnitt mit Handlauf nie. Frisches Wasser gab es bei Kilometer 12, was ganz gut war, da die sporadischen kleinen Bächlein nicht so richtig für das Flaschenfüllen geeignet waren. Weil es zudem ja eher bewölkt und dazu knapp unter 20 Grad war, brauchte man aber auch nicht mehr Wasser als man tragen konnte. Ab Kilometer 15 kamen dann die ersten Überholer aus der 80-km-Gruppe, die schon um 9 gestartet waren, alle ohne Rucksack und ohne Stöcke aber mit Wasserflasche in der Hand. Einige hatten wohl durch ihr Unterstützungsteam noch persönliche Verpflegungspunkte im Zugriff. Das Wetter wechselte zwischen Bewölkung, leichtem Nieselregen, kurzem intensiven Regen und sogar Sonnenschein, so dass am Ende für jeden etwas dabei war, und alles erträglich. Ich habe mich einmal zwischendurch regenfest gemacht, war aber eigentlich unnötig, wie so häufig. Man schwitzt sich dann nur voll anstatt von außen etwas nass zu werden. Bei Kilometer 26 kam der einzige Verpflegungspunkt. Etwas spät vielleicht, aber umso besser ausgestattet. Neben Wasser Cola und isotonische Getränke, dazu Bananen, Orangen, Nüsse, Müsliriegel, Fruchtriegel, Gummibärchen etc., alles recht nett und reichhaltig angerichtet. Mit viel Mut hätte man sich also auch allein hier seine Kalorien beziehen können. Ich neige allerdings dazu, streng an meinen Ernährungsritualen festzuhalten, sprich morgens Weißbrot mit Toast, beim Lauf ein Gel alle 30 Minuten und auf der Hälfte ein großer Haferriegel. Hat bisher immer funktioniert und wie man ja öfter hört, sind Magenprobleme auf dem Trail nicht wirklich hilfreich. Nach dem Stopp ging es für viele recht langsam los, man merkte, dass die Ermüdung langsam einsetzte und das recht häufige, wenn auch nicht starke, Auf und Ab des Weges machte die nächsten Kilometer nicht zu den leichtesten. Schön war da der Anblick eines Schlosses links in der Ferne, wohl Château de Froidcour, wie auch die Stellen mit Bebauung generell eher zauberhaft als störend wirkten. Nebenbei gibt es dann auch immer Symbole der lokalen Volksfrömmigkeit, was in Zeiten von schmerzenden Beinen auch eher tröstlich als irritierend ist.
Bei Kilometer 32 ging es durch den Ausflugsort Val de la Cascade, zuerst an einem Vergnügungspark vorbei, dann an den Wasserfällen, dann an den Eis- und Frittenbuden und den ganzen Wochenendausflüglern, was sich wirklich etwas komisch anfühlte. Wobei die Touristen uns Läufer mit dem teilweise schon etwas gequälten Gesichtsausdruck vermutlich auch objektiv komisch fanden. Das letzte Stück führte von dort an einem Stausee entlang und eigentlich „nur“ hoch nach Trois Ponts, so dass ich angenommen hatte, dass es ein lockeres Auslaufen würde. Stimmte aber nicht, stattdessen gab es drei kurze aber kräftige Anstiege, und ich lerne daraus, dass man nicht nur die erste Hälfte des Höhenprofils im Kopfe haben sollte (oder auf dem Handy, es gibt einen akkuraten gpx-Trail), sondern die ganze Strecke. Ging dann aber auch irgendwie, bzw. viele gingen im wortwörtlichen Sinne einen nicht unerheblichen Teil dieses letzten Stücks.
Die Ankunft in Trois Ponts war dann etwas unspektakulär. Die letzten 2 km wunderbar bergab, was mich persönlich wegen akuter Knieschmerzen allerdings eher gebremst hat. Das Ziel war am Kulturzentrum in Trois Ponts, direkt neben dem Carrefour, so dass die vorletzten Meter dann zwischen Einkaufenden auf dem Parkplatz des Geschäftes lagen. Auch eher komisch. Dann die Zielgerade und Schluss. Tatsächlich (fast) Schluss, denn eine Medaille gab es ja nicht, also auch keine Übergabe, aber auch niemanden, der die Einlaufenden bejubelt hätte. Bzw. nur bei den Top Läufern, den lokalen Staffelteams und denen, die Familie mitgebracht hatten. Ich fand das persönlich etwas traurig und halte es für eine gute Tradition, dass man selbst als Läufer nach dem Finish noch für eine Weile Nachfolgende beklatscht. Dieser „Sense of Community“ hat mir hier erstmals gefehlt, wenn auch die Verköstigung mit fast dem gleichen Angebot wie bei der Verpflegungsstation die Stimmung durchaus wieder heben konnte.
Der Sieger hat eine wirklich geschmackvolle Trophäe erhalten, der Zweit- und Drittplatzierte jeweils Bier. Das scheint in Belgien eine Grundkonstante zu sein, es gibt immer und überall Bier – seltsamerweise nur kein alkoholfreies für die einlaufenden Athleten, so wie man es in Deutschland kennt.
Wie so oft habe ich auf dem Lauf dann auch noch andere Deutsche kennen gelernt, Marc und Alexia, so dass man am Ende auch noch intensiv seine Erfahrungen von jenseits der Grenze austauschen konnte. Habe da zum Beispiel einen wertvollen Hinweis auf die Aktivitäten unter trampelpfadlauf.de, auf den Hochwald Ultratrail in Osburg und das Losheimer Trailfest bekommen. Auch alles sehr vielversprechend.
Wie gesagt, durchaus wieder eine Empfehlung, nicht nur für den Lauf, sondern für alle Trailläufe in Belgien. Die sind, anders als Radrennen und Comics, weiterhin ein Geheimtipp in Deutschland, haben aber immer noch einen Startplatz frei. Es war wirklich ein interessanter Tag, auch wenn das wider Erwarten und glücklicherweise nicht am Wetter lag.





























