Trailrunning Reports

RET Backyard Ultra, Obermaubach, 03.10.2026

Nach der Teilnahme am großartigen Rureifel Trail (RET) im April war ich auf dem Mailverteiler der Veranstalter und habe so als einer der Ersten im Sommer vom geplanten 1. RET Backyard Ultra erfahren – und mich sofort angemeldet. Einerseits kam mir diese Art von Wettkampf in den letzten Jahren, während sie an Popularität gewonnen hat, wirklich völlig bekloppt vor: Man läuft alle 60 Minuten eine Runde von 6,7 km Länge plus Höhenmeter, die Zeit bis zur nächsten vollen Stunde ist Pause. Man scheidet aus, wenn man zu langsam ist, um die Runde innerhalb der 60 Minuten abzuschließen, oder wenn man nicht mehr kann und vor der nächsten Runde aufgibt oder wenn man keine Lust mehr hat und aufgibt oder wenn der Körper sagt, dass es reicht. Das passiert vor allem dem Zweitplatzierten, da ja gelaufen wird, bis nur noch ein Läufer übrig ist. Beim medial dieses Jahr sehr intensiv begleiteten Last Soul Ultra waren es fast hundert Runden, fast vier Tage, zumindest für die beiden letzten Läufer. Andererseits wollte ich das Format einmal ausprobieren: Ein Traillauf mit fest getakteten Pausen an einem festen Ort, an dem man sich ein kleines Lager aufbaut und so mit allem bestens versorgt ist.

Letzteres gilt auf für der RET Backyard Ultra. Auf einer großen Wiese stehen Autos und Zelte, vor allem aber Campingstühle und Liegen, und jede Menge zu Essen und Trinken. Dazu ggf. noch Angehörige oder Freunde aus dem Laufclub. Bei mir war es nur ein faltbarer Stuhl und eine Isomatte mit Kissen, was dank gutem Wetter und Windstille völlig ausreichend war. Essen und Wechselkleidung hatte ich im Kofferraum. Ein zweites Paar Schuhe war nicht schlecht, Socken zum Wechseln wären auch nicht schlecht gewesen oder ein zweites Laufhemd, hatte ich aber beides vergessen. Die Versorgung an Getränken und Lebensmitteln war sehr gut, Wasser, Iso, Cola, Bananen, Orangen, Gummibärchen, Gels etc. und alles in rauen Mengen, so dass bis zum Ende nichts knapp wurde. Mir waren allerdings von früheren Ultraläufen meine privaten Elektrolyttabletten, Hot-Dog-Würstchen und Malzbiere wichtig, die wieder alle vom ständig die Stimmung wechselnden Magen gut aufgenommen wurden. Und bejubelt wurden alle von allen, so dass man auch ohne eigene Cheerleading-Crew mentale Stärkung erfuhr.

Anders als bei typischen Wettbewerben sind beim RET Backyard Ultra die Höhenmeter, teilweise auf Single Trails, und die Begrenzung auf 12 Stunden. Der Last Soul Ultra und auch die Backyard Ultra Weltmeisterschaft haben etwa 30 bis 50 Höhenmeter auf eine Runde, sind also leicht zu laufen und stellen keine große Zusatzbelastung durch Steigungen dar. Beim RET Backyard Ultra sind es 140 m, die man deutlich in Zeit und Anstrengung merkt. Dazu passt die zeitliche Begrenzung, die maximal 80 km Strecke zulässt, denn es ging nicht um Rekorde, sondern darum, Menschen an den Ultralauf heranzuführen. Etwa die Hälfte der Teilnehmer war vorher noch nie 80 km gelaufen, viele nur die Marathonstrecke, also etwas mehr als 6 Runden, und fast alle haben für sich einen neuen Rekord aufgestellt. Man konnte sich als Einzelläufer oder in 2er- oder 4er-Teams anmelden. Bei den Teams musste minimal ein Mitglied auf jeder Runde mitlaufen, bei einigen sind aber auch alle Teammitglieder alle Runden gelaufen oder haben zumindest nur bei ganz wenigen ausgesetzt. Die ursprünglich 30 Einzelläufer sind morgens um 7:20 gestartet, die etwa 100 Gruppenläufer um 7:30, so dass man sich einerseits auf der Strecke gut verteilen konnte und andererseits den unbeschrankten Bahnübergang direkt nach dem Start nie zur Zeit eines durchfahrenden Zuges überquerte. Die Startzeit war passend, da es kurz vor Sonnenaufgang losging und man kurz vor Sonnenuntergang durch war. Nur die Siegerehrung und das gemeinsame Grillen haben dann im Dunkeln stattgefunden. Die Strecke lag in einer Ausflugsgegend an einem Staubecken der Rur, so dass man auch den Besucherzyklus vollständig durchlebte, es war ja Tag der Deutschen Einheit. Um 8 die ersten Anwohner mit Hunden, um 9 die ersten Wanderer, um 10 die ersten Biker, um 11 die ersten Familien, ab 3 Uhr nachmittags dann umgekehrt, bis die Gegend bei Sonnenuntergang wieder verlassen war. Schlafen konnte man die Nacht davor übrigens entweder im eigenen Zelt oder Camper oder in einem angenehmen Bett im Bootshaus des lokalen Kanuclubs, was sich für mich absolut bewährt hat, zumal die Temperaturen über Nacht bis auf 6 °C gefallen sind. Eine kleine Bahnstation liegt auch direkt nebenan, so dass man auch ganz ohne Auto anreisen kann.

Um 7:20 Uhr also los. Wie bei jedem Backyard Ultra drei Minuten vor dem Start eine Durchsage durchs Lager, dann eine Minute davor, jede Runde geht absolut pünktlich los. Die meisten hatten das Höhenprofil genau studiert, einige waren die Strecke sogar schon abgegangen. Im Prinzip konnte man alles gut laufen und brauchte keine Stöcke. Aber warum laufen, wenn man genug Zeit hat, und warum keine Stöcke, wenn sie zu helfen scheinen, mental oder real. Diese hatten allerdings die wenigsten dabei, einige aber gezielt über die letzten Runden. Die Geschwindigkeit hat jeder für sich selber kalibriert. Die ganz Schnellen haben 35 Minuten gebraucht, die Gemütlichen eher 55. Man will nicht zu kurz pausieren, da man ja keine Verpflegung mit sich führt und ein paar Kalorien und Flüssigkeit braucht, aber auch nicht zu lange, um (morgens) nicht auszukühlen und die Muskeln konstant ausreichend warm zu halten. Stichwort Kalorien: Durch die gute und regelmäßige Versorgung kann man sehr gezielt Energie nachführen, so dass ich z.B. keinerlei Bekanntschaft mit dem „Mann mit dem Hammer“ machen musste. Durch die stündlichen Neustarts und die bei den meisten über die Runden recht konstante Zeit hatte man fast immer die gleichen Leute um sich herum und lernte diese und die Strecke sehr gut kennen. Die ersten Runden unterhält man sich noch, später weniger. Nach zwei Runden hatte ich meine markanten Punkte identifiziert: 12 Minuten bis zur Spitzkehre im Norden, 20 Minuten bis zur zweiten Spitzkehre, 25 bis zum umgefallenen Baum, 30 bis zum Spielplatz, 35 bis zum höchsten Punkt, bei 42 wieder am Spielplatz und dann zurück. Jede Runde auf ±20 Sekunden gleich. Natürlich wurde es zum Ende hin anstrengender und man hatte das Gefühl, schneller zu werden, der Takt blieb aber absolut gleich.

Für einige Runden wurden für die Schnellsten besondere Preise ausgelobt. Gerade unter den Erfahreneren wollte aber niemand das Risko eingehen, aus dem Takt zu kommen oder auch nur einen Muskel zu zerren, so dass die motivatorische Wirkung für die meisten begrenzt war. Gerade für einige der Jüngeren und die Teams war es aber ein zusätzlicher Anreiz. In der letzten Runde ging es dann um den Gesamtsieg – anders als bei normalen Backyard Ultras gewann schlicht der auf dieser Runde schnellste Läufer, bzw. das Team mit den meisten Runden und dem schnellsten Abschluss. Das hat gut gepasst, denn einige, die die ersten 11 Runden eine ruhige Kugel geschoben hatten, haben richtig aufgedreht. Andere sind eher konstant weitergelaufen, so auch ich: Die Woche davor hatte ich mir bei einem Marathon 300 m vor dem Ziel einen so heftigen Muskelkrampf geholt, dass ich froh war, diese kurze Strecke überhaupt noch zu schaffen, und ich daher beim Backyard Ultra immer auf der Hut war, mich bloß nicht zu überanstrengen. Also kein Preis für mich, aber immerhin die 12 Runden, und alles bei einem recht niedrigen Puls, so dass auch die Erholung bis zum nächsten Trail am folgenden Wochenende kein Problem sein sollte. Nur der Magen wollte am Ende nicht mehr ganz so, d.h. auch die vertrauten Zucker und Würstchen und Bananen trugen das Risiko, einen Brechreiz auszulösen. Eine Schüssel Reis oder ein Vanillepudding wären wohl noch reingegangen, aber die hatte ich nicht dabei. Für das nächste Mal vormerken. Von den 30 Einzelläufern haben übrigens „nur“ 12 alle 12 Runden vollendet – vielleicht bin ich also sogar Erster in meiner Altersklasse geworden. Einige sind nach 10 Runden ausgestiegen, eine zweistellige Zahl mit Signalwirkung, oder nach 9, also 60 km, wieder eine runde Zahl, oder nach 7, also etwas mehr als ein Marathon. Andere auch schon vorher wegen Verletzungen – der Waldweg war zwar nicht sehr technisch, aber man konnte durchaus umknicken oder stolpern und fallen. Andere hatten schon leichte Verletzungen mitgebracht und wollten es nicht übertreiben. Wegen einer zu langsamen Rundenzeit ist nach meiner Wahrnehmung niemand ausgeschieden, was gut ist, da also jeder bewusst entscheiden konnte, wie lange er dabei bleibt.

Die „Medaillen“ waren übrigens auch etwas Besonders. Für jede Startnummer waren im Zielbereich Röhren aus Acrylglas aufgebaut, in die nach jeder Runde ein Tischtennisball geworfen wurde. Nach Aufgabe des Rennens wurde das Rohr verschlossen. Dieses Rohr in klein bekam man am Ende als eine Art Reagenzglas, in das man sich selber so viele kleine Kugeln füllte, wie man Runden gelaufen war. Dazu ein Korken mit Schnur zum Umhängen, fertig ist eine der ungewöhnlichsten Medaillen meiner Laufkarriere. Wie so vieles bei dieser Veranstaltung sehr kreativ und mit viel Liebe ersonnen.

War es die Sache wert? Auf jeden Fall! Die stündlichen Zwangspausen haben einen ganz guten Trainingseffekt und helfen, sich Zeit und Kraft noch bewusster einzuteilen als bei durchgängigen Läufen. Auch das Miteinander in einer kleinen Gruppe ist selten geworden, da auch gute Trails oft viele hundert oder auch über tausend Teilnehmer anziehen, Backyard Ultras typischerweise zwischen 100 und 200. Im kommenden Jahr soll es vom RET Backyard Ultra auch eine 24-Stunden-Version geben, also 160 km. Sicher auch eine gute Vorbereitung, wenn man zu dieser Strecke hin aufbauen möchte. Würde ich selber regelmäßig Backyard Ultras laufen wollen? Eher nein, denn der Reiz des echten Traillaufens mit abwechslungsreichen Landschaften und technischen Herausforderungen fehlt. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, deutlich über 20- oder gar 50-mal dieselbe Strecke zu laufen, schon aus Prinzip. Wer Backyard Ultras noch nicht ausprobiert hat sollte es unbedingt einmal tun. Diese Veranstaltung ist dazu perfekt geeignet.